ERFAHRUNG
FREITAG, 1 AUGUST, 2025
Manchmal ist es nicht die ferne Stadt, die uns verwandelt, sondern das stille Feld am Wegesrand.
Dieses Jahr haben wir als Familie beschlossen, unseren dreiwöchigen Urlaub auf der niederländischen Insel Texel zu verbringen. Ursprünglich war eine Reise nach London geplant, die wir bereits im Winter gebucht hatten. Doch was im Winter spannend wirkte, erschien uns im Juli nicht mehr erholsam. Deshalb tauschten wir eine Woche London gegen drei Wochen Texel. Zunächst fühlte sich der Tausch nicht besonders cool an. Aber die Insel hat uns mehr geschenkt, als wir erwartet haben.
An einem Tag nahm ich mir vor, in die Stadt zu fahren. Dort gab es einen kleinen Laden mit einer guten Auswahl an frischem Gemüse und Obst. Der Weg war lang, aber die Vorfreude auf ein leckeres Abendessen überwog. Die Insel war bekannt für ihren sehr starken Wind, der einem mit etwas Glück in den Rücken schob. Ich hielt an und ließ meinen Blick in die Weite wandern. Die Sonne lag auf den wolligen Rücken der Schafe. Gelassen standen die Pferde, ihre langen Mähnen tanzten in der Luft. Ein Windzug strich durch die Gräser, und aus dem hohen Grün reckten Wildgänse ihre Hälse.
Plötzlich rannte mir der Gedanke durch den Kopf, wie oft ich mich im Spiegel anderer Menschen betrachte. Wann wurde aus meinem Blick nach innen ein Blick nach außen? Suchend, abhängig davon, ob ich richtig wirke... Hier auf der Wiese fragte mich keiner nach Erfolg. Ich musste nicht schlauer, nicht schöner sein.
Dieser Weg zog mich immer wieder. Nicht mehr so wichtig war der Einkauf von Gemüse in der Stadt, sondern diese großzugige Einladung da zu sein.
Als ich nach Erfurt zurückkehrte, sah ich vieles Vertraute plötzlich anders. Mir wurde klar, dass ich lange Zeit nach den Wünschen anderer gelebt habe, und dachte, das wären auch meine. Ich verstand, dass ich in einem Umfeld war, in dem man meine Erfahrungen infrage stellte, statt wirklich zuzuhören.
Die Ruhe in der Natur ließ mich dem näherkommen, was mir gefällt: dem, was ich will und was mir wichtig ist. Dabei halfen mir auch Gespräche mit Martin, der meinen Gedanken großzugig Aufmerksamkeit schenkte, ohne ihren Wert kleinzureden.
Wir sind soziale Wesen und in Beziehungen eingebunden. Aber ich verstehe jetzt, dass wir beeinflussen können, wie stark wir uns nach außen orientieren. Wenn unser Sozialhunger keine Ruhe findet, zertören wir uns selbst für das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Bewusst gewählte Zeiten, in denen ich ganz ich sein darf, wirken auf mich jetzt regulierend. Sie bringen mich zurück in Kontakt mit mir selbst und laden mich innerlich auf.
So wie die Natur, die keinen Maßstab vorgibt. Und genau das macht sie so stärkend.
Wir lesen uns wieder,
Eure Elena
© ELENA KAUFMANN 2026
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